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Donnerstag, 8.01.2026
Transforming Government since 2001
Der Nürnberger Suse-Chef erwartet im Software-Bereich viele neue Arbeitsplätze

Immer mehr Unternehmen schwören auf Linux und zeigen dem großen Konkurrenten Microsoft die kalte Schulter. Nicht nur IT-Unternehmen, sondern auch Kommunen und andere öffentliche Verwaltungen setzen immer stärker auf das Linux-Betriebssystem, das als stabil und zuverlässig gilt. Nun hat sich die Münchner Stadtverwaltung für Linux und gegen Microsoft entschieden (siehe nebenstehenden Bericht). Richard Seibt, Vorstandsvorsitzender des Nürnberger Linux-Spezialisten Suse Linux AG (380 Mitarbeiter), vergleicht die Münchner Entscheidung plakativ und übertragen auf die Computer-Branche mit dem Fall der Mauer. Der Suse-Chef sieht spürbare Einsparungseffekte für die Gemeinden und mehr Spielraum für ein verbessertes Serviceangebot der Verwaltungen voraus.

Als erste deutsche Großstadt hat sich die Münchner Stadtverwaltung für das alternative Betriebssystem Linux entschieden. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Seibt: Es handelt sich um einen Mauerfall wie 1989, als sich die Menschen freier fühlten. Eine solche Entscheidung hat nicht nur Auswirkungen auf andere deutsche Städte und Kommunen, sondern auch weltweit werden viele Anwender darüber nachdenken, ob sie Linux einsetzen sollen oder nicht.

Welche Vorteile bringt es Städten und Kommunen, wenn sie Microsoft die kalte Schulter zeigen und auf Linux umsatteln?

Seibt: Die strategische Positionierung verbessert sich. Mit Linux können Verwaltungen auf eine höhere Innovationsgeschwindigkeit zurückgreifen, eine höhere Qualität ihrer Produkte erzeugen und auf eine höhere Sicherheit ihrer Informationstechnologie (IT) setzen. Kurz-, mittel- und langfristig kann dies die Kosten reduzieren.

Doch inwiefern profitiert der Bürger davon?

Seibt: Services wie E-Government-Lösungen oder Internet-basierende Anwendungen, sei es zum Beispiel Kfz-Anmeldungen oder Wohnsitzwechsel, können durch den Umstieg auf Linux leichter umgesetzt, die Kosten einer Stadt oder Kommune gesenkt werden. Dies schafft die Möglichkeit, den Bürgern mehr Zusatzleistungen anzubieten anstatt teure Lizenzgebühren für Software zu bezahlen. Im Einsatz von Linux sehe ich auch einen positiven Arbeitsmarkteffekt: Bisher steht noch nicht jede Software auch auf Linux zur Verfügung. Um diese herzustellen, braucht man Hochschulabgänger, die über Linux-Know-how verfügen.

An allen neu ausgelieferten Server-Betriebssystem-Installationen hält das Pinguin-System weltweit einen Anteil von 15 bis 20 Prozent, heißt es in einer Studie des Marktforschungsinstituts Meta Group. Warum spielt Linux eine immer größere Rolle in den IT-Abteilungen?

Seibt: Linux wird zur bevorzugten IT-Plattform für IT-Infrastrukturen. Damit wird der Trend verstärkt, dass Linux nicht nur im Serverbereich eingesetzt wird, in dem das Betriebssystem ohnehin schon stark ist, sondern auch auf den Arbeitsplatzrechnern anstelle von Microsofts Windows oder Office zum Einsatz kommt. Dies hat große wirtschaftliche Auswirkungen zum Beispiel für Software-Hersteller, die ihre Linux-Versionen zügig zur Verfügung stellen werden. Das bedeutet wiederum mehr Arbeitsplätze, die neu aufgebaut werden und eine höhere Nachfrage nach Linux-basierenden Produkten. Interview: ILONA HÖRATH


Als erste deutsche Großstadt stellt München die rund 14 000 städtischen Computer vom Microsoft-Betriebssystem Windows auf das freie Betriebssystem Linux um.

Das Plenum des Stadtrats in der bayerischen Landeshauptstadt fasste einen entsprechenden Grundsatzbeschluss. Der Entscheidung wird eine wichtige Signalwirkung für andere Kommunen beigemessen. Die Kosten der mehrere Jahre dauernden Umstellung werden einschließlich Personal- und Schulungskosten auf knapp 30 Millionen Euro taxiert.

Die Microsoft-Konzernzentrale in Redmond hat wenige Stunden vor der Entscheidung in München die Preise für die �Office�-Software weltweit um 15 Prozent gesenkt. Microsoft muss nun befürchten, dass das Beispiel München Schule macht. Nachdem die Stadt Schwäbisch Hall sich als erste Kommune Deutschlands für eine Microsoft-freie Lösung entschieden hatte, trafen Anfragen aus aller Welt ein, wie man konkret ohne die Programme des Software-Marktführers auskommen kann. Dieser Effekt dürfte sich jetzt in einem wesentlich größeren Ausmaß wiederholen.

Unterstützung endet

Der Stadtrat begründete seinen Beschluss unter anderem mit einer größeren Unabhängigkeit von einzelnen Herstellern. Die Entscheidung der Stadt war nötig geworden, weil Microsoft die technische Unterstützung für das bisherige System Windows NT auslaufen lässt. Microsoft warb stattdessen intensiv für seine Produkte Windows XP und Microsoft Office.

Nach dem Stadtratsbeschluss soll die Verwaltung bis zum kommenden Frühjahr ein Feinkonzept für die Umstellung auf Linux sowie die Nutzung eines Office-Pakets aus dem Open-Source-Bereich � also freier und kostenloser Programme � erarbeiten. Erst danach werde es zur Auftragsvergabe kommen, hieß es.

Das Konkurrenzangebot zu Microsoft stammt von den Unternehmen IBM und der Nürnberger Suse Linux AG. Trotz weit reichender Rabattangebote des Computerriesen Microsoft hatten sich die Fraktionen des rot-grünen Rathausbündnisses bereits für die Umstellung ausgesprochen und damit entscheidende Weichen gestellt. Offenbar in Sorge um das Milliardengeschäft mit der Software für die öffentliche Verwaltung hatte Microsoft-Chef Steve Ballmer im Frühjahr seinen Ski-Urlaub in der Schweiz unterbrochen und war nach München zu einem Gespräch mit Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) gereist.

Offene Quelle

Das freie Betriebssystem Linux ist das bekannteste Beispiel von so genannter Open-Source-Software. Open Source (zu deutsch: offene Quelle) bedeutet, dass der Kern des Programms frei und kostenlos verfügbar ist. Dadurch kann eine große Gemeinde von Programmierern weltweit gemeinsam an einer Software arbeiten, sie verbessern und zusätzlich Software-Werkzeuge entwickeln. Hersteller wie Microsoft verbieten dagegen den öffentlichen Zugriff auf den Quellcode ihrer Software, um die Rechte an ihrem geistigen Eigentum urheberrechtlich zu wahren.

Quelle: Nürnberger Nachrichten

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