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Freitag, 16.01.2026
Transforming Government since 2001
Neues Bürgerportal des Landes ist mehr Versprechen als Erfüllung

Das "E" ist schon verdammt schick. Am liebsten klein geschrieben, macht der Buchstabe griffig und modern, was sonst nach Amtsstube klingt und Erinnerungen an stundenlanges Warten in muffigen Fluren weckt. Im Internet ist sie daheim, die "eKommune", regiert vom "eGovernment", die als Teil einer umfassenden "Informationstechnologie-Strategie" der Landesregierung "elektronisches Verwaltungshandeln" zum Alltag werden lassen soll. Unter der Adresse www.sachsen-anhalt.de wartet die Zukunft seit einigen Wochen darauf, von rat- und hilfesuchenden Bürgerinnen und Bürgern entdeckt zu werden. n den weltweiten Datenwüsten ist Sachsen-Anhalt seitdem eine himmelblaue Oase, durch die Handballer springen und strahlendes Kinderlächeln neben nächtlichen Chemiewerken leuchtet. Hinter auf Mauszeiger-Berührungen reagierenden Flash-Animationen erst versteckt sich, was in der Eigenwerbung "die Chance neuer Formen des Informationsaustausches und der wirtschaftlichen Betätigung" heißt. Das virtuelle Rathaus! Der gesparte Gang zum Einwohnermeldeamt! Nie mehr Formulare schnorren im Bürgerbüro, nie mehr warten auf Anschluss beim Sachgebietsfachbearbeiter. In Sachsen-Anhalt zieht der vernetzte Bürger einfach mit der Maus am heimischen Schreibtisch los, um Bauanträge zu stellen, Pässe zu beantragen oder seine Meldeadresse zu ändern. So wenigstens die Theorie. Praktisch jedoch finden sich auf sachsen-anhalt.de weniger nutzbare Formulare, die lange Behördengänge unnötig machen, als vielmehr kundige Handreichungen zu eben jenen Behördengängen. Dabei verspricht die Menü-Auswahl noch ein elektronisches Schlaraffenland: Von "Wohnung abmelden" bis "Gaststätte anmelden", von "Gewerbe anzeigen" bis "Spielhalle öffnen" und "Fischereischein beantragen" reicht die Liste.

Hinter der sich dann, geordnet nach dem schönen Verwaltungswort "Lebenslagen", zumeist nur amtsdeutsche Erläuterungen finden. Ja, Hallenser können sich das "Beiblatt zur Bestimmung des Hauptwohnsitzes" auf den heimischen Drucker ziehen, Eislebener Unternehmer die "Unabkömmlichkeitsstellung von Arbeitnehmern" flugs auf den Bürorechner laden. Sonst aber wartet da nur noch ein rätselhafter Punkt auf die Mansfelder, der "Umweltallianz" heißt und beim Anklicken weiter führt zu einem Punkt der wiederum "Umweltallianz" heißt und als Alternative nur ein "zurück" kennt. Rätselhaft wie so vieles hier im eLand, das wohl vor allem daran krankt, dass es in Deutschland noch immer kein anerkanntes System für die elektronische Unterschrift gibt.

So lange das aber so ist, kann nichts verhindern, dass Müller ganz gemein einen Pass für Meier beantragt, Schulze hinterlistig für Schröder eine Bauvoranfrage stellt. Zwar bietet Bremen, für seinen Auftritt bremen.de gerade mit einem EU-Preis ausgezeichnet, längst wirklich nutzwerte Dienste über die Identifikation mit einer Smartcart an (siehe "Hauptpreis für Hansestadt"). Sachsen-Anhalt aber behilft sich vorerst damit, Kneipengründern statt einer Online-Beantragung einer "Erteilung auf Erlaubnis nach § 2 Gaststättengesetz" eine Online-Übersicht über eine ordnungsgemäße Offline-Anmeldung zu geben.

Wer sich schon immer für die Aufgaben der Lebensmittelüberwachung interessiert hat, kommt so gut auf seine Kosten. Für den Rest ist die bürgernahe Zukunft letztlich behördennaher Pomp. "Bitte eine Lebenslage wählen", heißt es viel versprechend, wo man eine Veranstaltung anmelden können sollte. Die Lebenslage "Veranstaltung anmelden" kennt dann aber wieder nur ein Zurück. Melderegisterauskunft? Online-Hundeanmeldung? Wunschkennzeichen per Internet? Im virtuellen Rathaus heißt es da "Auskünfte erteilt die zuständige Behörde." Oder "es konnte kein Formular gefunden werden". Oder gar "Proxy Error, Netzwerkeinstellungen prüfen".

Quelle: Mitteldeutsche Zeitung

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