Arztbesuche, bei denen sie nicht selten Stunden im Warteraum verbringen müssen, sind für viele Menschen mehr als unbequem. Der Arzt muss sich wiederum mit einem stetig zunehmenden Papierkrieg beschäftigen, Tabellen ausfüllen und Patientendaten organisieren. Ronald Dixon, Direktor des "Virtual Practice Project", will diesen Problemen moderne IT entgegensetzen – und mit seinem Arztkiosk den Alltag in Praxen genauso revolutionieren, wie das Geldautomaten für das Bankgeschäft taten. Interaktionen, die sich einfach automatisieren ließen, wurden hier auf Computertechnik umgestellt, zum Schalter muss nur noch gehen, wer komplexere Transaktionen plant. Dixon, der selbst als Allgemeinmediziner am MGH arbeitet, sieht darin ein gutes Vorbild.
Der Arztkiosk besteht aus einem Desktop-Rechner mit Windows-Betriebssystem, an dem verschiedene Zusatzgeräte hängen – ein Blutdruckmessgerät, eine Wage, ein Pulsoximeter zur Messung der Blutsauerstoffwerte und ein Messgerät zur Bestimmung eventueller Einschränkungen der Atemwege. Zusätzlich enthalten ist ein Bluttester, der sonst in der Notaufnahme eingesetzt wird und Cholesterin- und Zuckerwerte messen kann. (Derzeit wird noch Pflegepersonal benötigt, um das Blut dafür abzunehmen, spätere Varianten sollen das automatisch können.)
Idealerweise stellt sich Dixon einen solchen Arztkiosk nicht nur in einer regulären Praxis vor, sondern auch in Supermärkten und Einkaufszentren: Kunden könnten dann hineintreten, sich per Passwort identifizieren, Fragen zu ihrer persönlichen Krankengeschichte beantworten und dann den Gesundheitscheck durchführen lassen. "Das Ergebnis würde dann an den Gesundheitsversorger weitergeleitet und dieser meldet sich dann auf gewünschtem Weg mit Ratschlägen, was zu tun ist – per E-Mail oder SMS." Das Gerät könnte sogar bestimmen, ob aktuell eingenommene Medikamente tatsächlich so arbeiten, wie gewünscht oder ob Therapiestrategien verändert werden sollten. Sind die Informationen nicht genau einzuordnen, kann dann ein regulärer Arzttermin vereinbart werden,
Im Juni wird der Arztkiosk erstmals ans Licht der Öffentlichkeit gelangen. Eine Pilotversion wird in Läden und anderen frei zugänglichen Bereichen in Großbritannien aufgebaut. Das Projekt ist Teil eines Untersuchungsprogramms zur Verhinderung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkten und Schlaganfällen. Das Vereinigte Königreich gilt dabei als ideale Testumgebung: Das Gesundheitssystem ist staatlich vereinheitlicht und jeder hat seinen ihm zugeordneten Hausarzt samt elektronischer Krankenakte. Die Infrastruktur für das Weiterleiten der Untersuchungsergebnisse am Kiosk ist also vorhanden, auch können Ärzte sofort reagieren.
"Bei dem Projekt soll versucht werden, die Leute zu erwischen, die sonst nicht auf solche Erkrankungen getestet würden. Ein Großteil der Bevölkerung geht erst dann zum Arzt, wenn es bereits Symptome gibt", sagt Dixon. Im Supermarkt oder in der Drogerie schaue aber fast jeder regelmäßig vorbei. Die insgesamt 10 Minuten dauernde Interaktion mit Dr. PC soll Blutdruck- sowie Zucker- und Cholesterinwerte liefern. Diese Informationen lassen sich dann an eine zentrale Datenbank schicken. Die Teilnehmer, die das höchste Gesundheitsrisiko haben, erhalten dann einen Anruf von ihrem Hausarzt.
Nicht jeder Mensch, mit dem sich Dixon über seine Idee unterhält, mag die Vorstellung, nicht mehr sofort zum Arzt zu gehen. Diesen Personen müsse man sagen, dass es bei dem Projekt keinesfalls um eine Diagnose gehe: Die Maschine sammele Testdaten nur und gebe sie weiter – und das effizienter als das derzeit von Hand geschehen könne. Außerdem ziele die Technik besonders auf Personen ab, die sonst nicht zum Doktor gehen würden.
Die Fähigkeit, chronische Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck besonders effizient zu erfassen, gilt dabei als besonders wichtig – schließlich erwarten Mediziner, dass diese Probleme in den nächsten 10 bis 20 Jahren in der Bevölkerung weiter zunehmen werden. "Die Behandlung sollte hier wirklich rund laufen, um sicherzustellen, dass die Leute die Medikamente bekommen, die sie brauchen", meint Kristian Olson, Kinderarzt am MGH, der Dixons Projekt kennt und sich für globale Gesundheitsinitiativen engagiert. "Das muss soweit Routine sein wie möglich. Man muss nicht bei jedem Patienten das Rad neu erfinden."
Andere Mediziner haben ihre eigenen Visionen für den Arztkiosk. "Ein Besuch beim Doktor ist derzeit ein ziemlich mühseliger Prozess, wenn wir ehrlich sind", sagt David Howes, Präsident und Chefmediziner bei Martin's Point Health Care in den US-Bundesstaaten Maine und New Hampshire. "Es ist anstrengend, dauert lange und die Zeit hoch bezahlter Spezialisten geht regelmäßig mit unnötigen Aufgaben drauf."
Howes glaubt, dass es schon ausreichen würde, angepasste Varianten des Arztkiosks in heutige Praxen zu stellen, um diesen Prozess zu optimieren. Das habe das Potenzial, die Arbeit in der Hausarztpraxis für Ärzte wie Patienten völlig umzukrempeln. "Denken Sie einmal nach, wie es ist, wenn Sie zum Arzt gehen: Man geht rein, die Schwester oder Sprechstundenhilfe fragt Daten ab, nimmt die Vitalzeichen und ordnet womöglich die ein oder andere Laboruntersuchung an. Und dann kommt erst der Arzt rein und wiederholt einen Großteil dieser Arbeit gleich noch einmal."
Ein Arztkiosk würde vieles davon vorab erledigen, bevor ein Patient sich überhaupt ins Untersuchungszimmer begeben hat. "Wenn man dann auf den Arzt trifft, wurden all die Informationen bereits gesammelt und für ihn organisiert." Aus diesen Daten lässt sich dann auf einen Blick schließen, was mit dem Patienten besprochen werden muss. "Wir träumen bereits davon, wie toll ein solches Werkzeug für die Patientenaufnahme wäre."
Ein automatisiertes System wie der Arztkiosk könnte auch in Ländern der Dritten Welt eingesetzt werden, um dort das Gesundheitswesen zu verbessern. "Es gibt dort ganz klar ein Personalproblem, das viel schlimmer ist als in der westlichen Welt", meint MGH-Entwicklungshilfeexperte Olson. Ein solcher Kiosk könnte in Verbindung mit einem einzigen Arzt oder einer ausgebildeten Krankenschwester bereits grundlegende Gesunderhaltungsaufgaben für eine große Personengruppe übernehmen.
In Industrienationen sieht Olson das System weniger als Option zur verbesserten Vorsorge. Es sei fast noch besser für Nachsorgeuntersuchungen geeignet. "Routineuntersuchungen selbst bei Patienten in Tuberkulose- oder HIV-Behandlung wären damit theoretisch möglich." Ärzte könnten auch aus den vom Computer erfassten Vitalzeichen Rückschlüsse auf Nebenwirkungen ziehen und gleichzeitig prüfen, ob Medikamente überhaupt eingenommen werden.
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Autor(en)/Author(s): Lauren Gravitz
Quelle/Source: Technology Review, 12.03.2009
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