Das System der Vorhersage durch Gehirnströmemessverfahren erscheint perfekt, bis der Ermittler selbst als potenzieller Täter in das Fadenkreuz seiner Kollegen gerät. Für Anderton gestaltet sich das Untertauchen im Jahr 2054 zu einem Alptraum, denn der perfekten Datenerfassung und den biometrischen Kontrollsystemen entgeht scheinbar gar nichts. Was für Tom Cruise in Steven Spielbergs "Minority Report" nach 145 Minuten zu Ende ist, beginnt für die Bürger in den Industrienationen gerade erst Realität zu werden.
Biometrische Erkennungsmerkmale sollen schon in den nächsten Jahren die Ausweisdokumente sicherer machen und die Ausgabe von Visa vereinfachen. Ausländische Besucher, die im nächsten Jahr in die USA einreisen wollen, benötigen ein Visum mit Fingerabdruck. Die Vereinigten Staaten fordern zudem, dass Pässe von EU-Bürgern, die keinem Visumzwang unterliegen, ab Herbst 2004 biometrische Merkmale enthalten.
Die ruhige Sommerzeit war eine Hochsaison für die Experten in Sachen Biometrie, die eine ganze Reihe von Eingaben bei der "International Organization for Standardization" (ISO) einreichten. "Zwar besteht inzwischen in Deutschland ein rechtlicher Rahmen, doch noch fehlen weltweit verbindliche Festlegungen zu technischen Standards", erläutert Christoph Busch, Leiter der Abteilung Sicherheitstechnologien für Graphik- und Kommunikationssysteme am Fraunhofer-Institut. "Voraussetzung dafür ist, dass ein internationaler Standard für den Umgang mit biometrischen Daten beschlossen wird."
Welches Körperteil darf es denn sein?
Es ist zurzeit noch nicht abschließend geklärt, ob Iris-, Fingerabdruck- oder Gesichtserkennung sich als Prüfmerkmal durchsetzen werden. Verfahren zur Identifizierung sind bereits vorhanden, was fehlt sind allgemeingültige Standards. "Die Einsetzung biometrischer Merkmale macht nur Sinn, wenn die Daten weltweit gelesen und abgeglichen werden können", erklärt Christoph Busch. "Es wäre nicht ratsam, wenn etwa England einen Iris-Abdruck im Pass hätte, Deutschland einen Fingerabdruck und Italien ein Gesicht."
Im September treffen sich in Berlin Regierungsexperten der G8-Länder, um das gemeinsame Vorgehen in Passfragen weiter abzustimmen. Das Bundeskriminalamt führt schon seit Mai 2003 einen Versuch mit Fingerprint-Visa durch. In der nigerianischen Hauptstadt Lagos werden den Antragstellern Fingerabdrücke abgenommen und online nach Wiesbaden überspielt. Die Daten werden mit der zentralen AFIS-Datenbank (Automated Fingerprint Identification System) der EU verglichen und das Ergebnis nach Lagos überspielt. So sollen falsche Angaben aufgedeckt werden und das mehrmalige Stellen eines Asylantrags verhindert werden. Bis zum Jahr 2004 soll das System rund zwei Millionen Einwanderungs- und Asylanträge verwalten. Das vom französischen Unternehmen Steria entwickelte Identifizierungssystem soll 500.000 Vergleiche pro Sekunde vornehmen können.
Flugtickets mit Funkchips
Die internationale Flugbehörde ICAO will bis 2005 biometrische Daten auch auf Reisedokumenten speichern und Flugtickets mit kleinen Sendern versehen. "Radio Frequency Identification" heißt das Zauberwort, die winzigen RFID-Transponder können eine Kennung übertragen.
Die ICAO (International Civil Aviation Organization) ist eine Sonderorganisation der Uno und erarbeitet einheitliche Regelungen für die Sicherheit im zivilen Flugverkehr. Alle Vorgaben müssen von den 188 Mitgliedsstaaten noch in nationales Recht umgesetzt werden. Der Internetdienst "futurezone" vermeldet, dass die ICAO sich schon für die biometrische Methode der Gesichtserkennung entschieden hat: "Für alle ICAO-Mitgliedsstaaten ergebe sich außerdem die Möglichkeit, die Gesichtserkennung "facial recognition" durch bis zu zwei zusätzliche, biometrische Parameter auf dem Chip zu ergänzen".
Die Industrielobby sieht sich im Aufwind und die Biometrie verspricht gute Geschäfte, denn schließlich besitzen die meisten Erdenbürger einen Ausweis, der auf den neuesten Stand gebracht werden kann. Bereits 2001 hat die Sicherheitsbranche Umsätze von 17 Milliarden US-Dollar erzielt, und nach Einschätzung von Marktforschern wird der Gesamtmarkt bis zum Jahr 2006 auf ein Volumen von 45 Milliarden US-Dollar anwachsen.
Die Fehlerquote biometrischer Verfahren wird immer geringer, aber sie reicht aus, um den Bürgern große Probleme zu machen. Bei der Erkennung eines Fingerabdrucks liegt sie immer noch bei zwei bis neun Prozent. Wenn diese Methode der Identifizierung zum Standard beim Grenzübertritt wird, dann gibt es Millionen von nicht eindeutig erkannten Personen. Experten gehen davon aus, dass sich diese Zahl kaum unter fünf Prozent drücken lässt.
"Jedes Verfahren hat seine Vor- und Nachteile", erläutert Busch. "Beim Fingerabdruck gibt es Menschen, die nur schwer zu erkennen sind, weil sich ihre Kuppen durch Arbeit oder andere Außeneinflüsse ständig verändern." Dass mit biometrischen Verfahren terroristische Schläfer ausfindig gemacht werden, kann auch Innenminister Otto Schily nicht ernsthaft annehmen, denn selbst die "face recognition" verrät nichts über die wirklichen Absichten der überprüften Personen.
Datenschützer haben bisher keine großen Probleme mit biometrischen Merkmalen auf Pässen und Reisedokumenten, da sie sich hier mehr Sicherheit für die Bürger versprechen. Die Bedenken beginnen dort, wo biometrische Daten in zentralen Datensammlungen abgelegt und aufbereitet werden. Die Kombination von biometrischen Erkennungsmerkmalen, privaten Daten und den durchgeführten Reisen ergeben ein Persönlichkeitsprofil, das nicht nur für die Sicherheitskräfte von Interesse ist.
IM INTERNET:
- International Biometric Group
Biotrust: Deutsche Lobbyseite für biometrische Verfahren
