Oft verbinden Entscheider mit quelloffener Software noch Billigprogramme aus der Hackerszene, die keine Investitionssicherheit bieten. Drohendes EU-Patentrecht und unsichere rechtliche Unterstützung sind bei vielen die Hauptgründe gegen Linux (s. auch S. 58). "Die Politik hat mit der LinuxKlausel im Urheberrecht und mit eigenen Projekten gezeigt, dass sie Linux fördern wird", beruhigt Jürgen Quade, Professor an der Hochschule Niederrhein in Krefeld. Er räumt indes ein: "Rechtliche Vor- und Nachteile sowie psychologische Vorbehalte lassen sich nicht quantifizieren."
Beim Versicherungskonzern Axa sprach ein exakt messbarer Grund für Linux: Die Kosten im Rechenzentrum mussten sinken. Deshalb führten die Kölner im Projekt "Infrastructure Strategy" im Januar 2002 eine TCO (Total Cost of Ownership) -Analyse mit Gartner-Unterstützung durch. Ein Ergebnis lautete: Die Unix-Hardware verursacht übermäßig hohe Kosten. Zwei Pilotprojekte schloss Axa im September 2002 ab: "Mit Linux sanken die Kosten um mindestens 30 Prozent", schätzt Projektleiter Dohle.
Aufgrund der sehr guten Erfahrungen wurden später "außerplanmäßig" weitere Server zu Linux migriert. Als nächste Schritte hat Axa Anfang 2003 damit begonnen, auch SAP und die Oracle-Datenbank auf Linux aufzubauen. 2004 sollen alle rund 70 Sun-Server mit dem Unix-Betriebssystem Solaris und bis Ende 2007 alle rund 50 IBM-Server mit dem Unix-Betriebssystem AIX durch Linux ersetzt werden. Am Ende sollen in allen Servern auf der Linux-Plattform nur noch Intel-Prozessoren rechnen. "Intel-Hardware kostet 30 Prozent weniger als Risc-Hardware - bei vergleichbarer Leistung", sagt Dohle. Deswegen plant Axa auch keine Migration der 271 Windows-Server mit Intel-Prozessoren: "Da liegen zurzeit die Sparpotenziale einfach nicht so hoch."
Laut Studien schwankt die Gesamtersparnis (Lizenzen, Hardware, Wartung, Support) von Linux gegenüber Unix-Betriebssystemen zwischen 20 und 80 Prozent. "Bei Risc liegen wir eher im oberen Bereich", deutet Dohle seine Ergebnisse an und verweist auf einen weiteren Kostenfaktor. "Langwierige Vertragsverhandlungen verzögern keine Projekte mehr. Wir wollen völlige Wahlfreiheit."
Arvato Systems, der IT-Bereich der Bertelsmann-Tochter Arvato, verfolgte beim Linux-Start 1999 weder eine Linux-Strategie noch eine Konsolidierung der rund 1000 Server im Gütersloher Rechenzentrum. Es waren Kunden, die Linux-Angebote forderten. Deshalb führte Helmut Madeheim, Leiter System- und Storage-Management, Benchmarks zwischen einem jeweils mit einem Prozessor bestückten Standard-Unix- und einem Linux-Server durch. "Linux lief auf dem preisgünstigsten IntelProzessor deutlich schneller als das Standard-UnixSystem. Insgesamt kam Linux mit Intel auf ein bis zu achtfach besseres Preis-Leistungs-Verhältnis als das Unix-System", resümiert Madeheim.
Linux-Nachteile bei Server-Administration
Der Anpassungs- und Personalaufwand schmälern den Kostenvorteil von Linux. So können pro Administrator zwei- bis dreimal mehr Windows- als Unix-Server betreut werden. Gegenüber Unix-Servern ist der Aufwand bei Linux erfahrungsgemäß um weitere 20 Prozent größer. Eine Hauptursache hierfür: Bei Linux-Problemen muss intensivere Ursachenforschung betrieben werden. Windows löst mit einem Neustart fürs Erste fast alle Probleme. "Mit der Zeit sinkt der Aufwand für Linux; er wird in der Größenordnung von heutigen Standard-Unix-Systemen liegen - jedoch immer höher als für Windows-Server", ist Madeheim überzeugt.
Unausgereift findet er Software-Komponenten, die für hochverfügbare Rechenzentrumslösungen unerlässlich sind. "Wir setzen OS-Software frühestens ab Version 1.0 ein", so Madeheim. Auch würden noch nicht genug Software-Anbieter ihre Programme für Linux zertifizieren; ein sicherer Support sei darum nicht gegeben.
Axa hat seinen Support-Vertrag mit IBM indes fast nie gebraucht: "Wir haben die meisten Probleme durch das Know-how unserer Mitarbeiter und mithilfe von Foren und Newsgroups im Internet gelöst", sagt Dohle. Für Quade eine Kernqualität von OSS: "Unternehmen bekommen mehr Freiheit, weil sie nicht mehr darauf warten müssen, dass der Anbieter Probleme für sie löst."
Ohne fremde Hilfe hat auch Westfleisch aus Münster (Umsatz 2001: 1,1 Milliarden Euro, 2600 Mitarbeiter) sukzessive Server (SCO Unix/Xenix) und 120 MS-DOSArbeitsplatzrechner in der Produktion auf Linux umgestellt. "Weil die Quelltexte offen sind, können wir bei Fehlern schnell handeln", sagt Daniel Köbbing, Linux-Experte bei dem Fleisch verarbeitenden Betrieb.
Die PCs arbeiten bei Westfleisch an unternehmenskritischen Stellen: an Fleischwaagen, an der Hochregallagersteuerung und in der Qualitätskontrolle für die 494000 Tonnen Fleisch im Jahr, die hier verarbeitet werden. "Server und PCs müssen sieben Tage rund um die Uhr laufen", so Köbbing. "Eine halbe Stunde Ausfall kostet bis zu 5000 Euro." Bisher musste er von den 28 Linux-Servern nur 5 neu starten. Mehr Probleme verursachten die Mitarbeiter. "Die Schlachter lehnten die neue Oberfläche anfangs ab", so Köbbing. "Nach vier Wochen hatten sie das neue Programm jedoch akzeptiert."
User-Befragung in Schwäbisch Hall
Um die Akzeptanz zu testen, befragte die baden-württembergische Stadt Schwäbisch Hall (36000 Einwohner) zusammen mit IBM Global Services ihre 300 künftigen Linux-PC-Anwender vorab. Die häufigsten Vorbehalte: Microsoft-Wissen ginge verloren, IT-Mitarbeiter könnten die User kontrollieren, und Spiele wie "Moorhuhn" würden flachfallen. "Die meisten zeigten sich aber aufgeschlossen", so EDV-Leiter Horst Bräuner.
Der Aufwand hat sich gelohnt: "Ein Update aller 300 Netzwerk-PCs auf Windows XP hätte rund 200000 Euro gekostet. Im Etat 2004 sollen die IT-Kosten um die Hälfte sinken", sagt Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim. Bereits jetzt arbeiten er und seine Mitarbeiter, das Rechnungsprüfungsamt, das Bürgerbüro sowie einzelne Mitarbeiter in den Fachabteilungen mit Open Office und dienen so als Multiplikatoren. Die übrigen Mitarbeiter bekommen Schulungen künftig in Blöcken während der Arbeitszeit. "Das Konzept für die Schulungen haben wir mit dem Linux Professional Institute, der Volkshochschule sowie mit Suse und IBM entwickelt", so Bräuner. "Schulungen sind essenziell. Dafür haben wir bei unserem Linux-Projekt viel Geld ausgegeben", bestätigt Eildert Groeneveld, IT-Leiter und Professor am Institut für Tierzucht an der Bundesversuchsanstalt für Landwirtschaft bei Hannover. Es habe indes technische Probleme gegeben, als er im Herbst 2002 Open Office in einem vom Bundesinnenministerium geförderten Pilot- projekt an 50 von 120 Arbeitsplätzen installierte. So ließen sich beispielsweise Open-Source-Dokumente in Word nicht immer formatgetreu lesen, umgekehrt war es ähnlich. Groeneveld löste das Problem, indem er auf der Oberfläche des Open Source Desktop KDE einen Button anlegte, der auf einen Windows-Server mit Microsoft Word verlinkt. So können Word-Dokumente erzeugt und weiterverarbeitet werden. "Manche MicrosoftAnwendungen lassen sich zurzeit noch nicht ablösen", resümiert Eildert. Die Erfahrungen aus diesem und anderen Projekten flossen in einem Migrationsleitfaden ein, der im Mai vom Innenministerium herausgegeben wird (dann auch unter www.bund.de).
So einen Leitfaden braucht die Polizei Niedersachsen nicht mehr. Sie will bis Mitte 2004 rund 11600 PCs für ihre 22000 Mitarbeiter in 600 Polizeidienststellen unter Linux laufen lassen. MS Office wird durch Open Office abgelöst, das bereits auf mehr als 3000 PCs läuft.
"Bei der Wahl von Microsoft-Produkten wären in den kommenden zehn Jahren 20 Millionen Euro Kosten auf die Polizei zugekommen", rechnet Projektleiter Axel Köhler vor: 3,3 Millionen Euro Lizenzkosten für PC-Clients, 1,4 Millionen für Server-Software, rund 6 Millionen Update-Kosten und etwa 10 Millionen Euro für die Anpassung der IT-Architektur. Mit Open Source können gerade öffentliche Verwaltungen viel sparen, weiß Gregor Lietz, auf die öffentliche Verwaltung spezialisierter Berater der EDS-Tochter "C-sar". "Mittelfristig lohnt sich das Engagement fast immer. Behörden mit Unix-Know-how können sogar kurzfristig Gewinne realisieren." Allerdings war für Köhler Open Source nicht zwingend. "Wären wir aus einer strukturierten Microsoft-Welt gekommen, hätten wir Linux anders bewertet", gibt er zu.
Ähnlich sieht es Markus Huber-Graul, Meta-Group-Berater und Verfasser der Studie "Linux - Betriebssystemlandschaft im Wandel": "Gut laufende Unix- und Microsoft-Systeme sollten Unternehmen nicht durch einen drastischen Open-Source-Software-Einsatz verändert werden. In puncto Leistungsfähigkeit bei HighendServern liegt Unix noch vier Jahre vor Linux." Die Migrationskosten seien sehr hoch; Linux werde bislang von Software-Anbietern nicht ausreichend unterstützt. Zudem gebe es zu wenig Dienstleister. Eine sehr gute Zukunft sagt er OSS für den Einsatz auf Web-orientierten Servern voraus. Laut Meta Group wird der Linux-Anteil von heute 3 auf 26 Prozent im Jahr 2012 steigen; Unix werde dagegen von 45 auf 20 Prozent fallen, während Windows von 12 auf 51 zulegen soll. "Bei Desktops wird Open Source nur in Nischen eingesetzt; auf Großrechnern bringt Linux wenig Wirkung", resümiert Huber-Graul.
OMV: Produktiveinsatz auf Großrechnern
Die Österreichische Mineralölverwaltungs AG (OMV) jedoch setzt Linux seit Oktober 2001 auf zwei Großrechnern ein. "Binnen vier Tagen lief SAP R/3 unter Linux produktiv. Wir haben seitdem keine Ausfälle", berichtet Walter Rotter, Leiter IT-Services bei OMV in Wien. Allerdings kennt er auch die Grenzen: Linux unterstütze 64-Bit-Prozessoren nicht ausreichend und "bei Prozessen, die Hochverfügbarkeit verlangen, arbeitet kommerzielle Software besser".
Doch insgesamt dominieren nach Rotters Urteil die Vorteile von Linux auf dem Mainframe: "Linux unterstützt Großrechner optimal dabei, andere Systeme unterbrechungsfrei komplett zu simulieren." Das erleichtere die Arbeit angesichts häufiger Käufe und Verkäufe von Gesellschaften enorm. Batch-Prozesse liefen unter Linux viermal schneller, Dialogprozesse 30 Prozent schneller als unter Unix. Zudem, so der OMW-Mann, lägen die Lizenzkosten gegenüber dem IBM-Betriebssystem AIX um 10 Prozent, gegenüber MVS um mehr als 95 Prozent niedriger.
Noch überzeugt das nicht alle. Wenn IT-Kollegen nach Wien kommen, schlägt Rotter Misstrauen entgegen. Oft heißt es: "Wie kann man ein so billiges Betriebssystem auf einem so teuren Großrechner laufen lassen?"
Weiterführende Informationen:
- Analysen zum Thema Linux auf CIO.de:
- The Desktop OS - Are There Real Alternatives to Microsoft? - Studie der Yankee Group
- Linux - Hype oder Realität? - Der Markt in Deutschland 2002-2004 - Studie von TechConsult
- Server Operating Systems Report - Studie der Butler Group
- Oracle and Linux - A Match Made in Application Heaven - Studie der Yankee Group
- Linux - Betriebssystemlandschaft im Wandel - Studie der Meta Group
- Windows 2000 vs Linux für Unternehmensanwendungen - Bestimmung des betriebswirtschaftlichen Nutzens für ausgewählte Einsatzbereiche - IDC White Paper im Auftrag von Microsoft
- Total Cost of Ownership for Linux in the Enterprise - Studie der Robert Francis Group im Auftrag von IBM
- Einsatz von Open-Source-Software in Unternehmen und öffentlichen Unternehmen: Ergebnisse aus Deutschland, Schweden und Großbritannien - Berlecon-Studie
- Betriebssysteme in Unternehmen - TechNet-Whitepaper (Microsoft)
- Fear the Penguin - Analyse von Goldman Sachs
- Free software, big business? - Analyse der Deutschen Bank
- A Business Case Study of Open Source Software - In dieser Studie werden alle Kostenaspekte einer Open-Source-Einführung ausführlich beleuchtet.
- Nachrichten, Portale, Informationen:
- Linux-Documentation Project - Im Linux-Documentation Project finden sich simple FAQs, praxisorientierte Anleitungen und komplette Leitfäden für Berater, Sicherheitsexperten, Netzwerkspezialisten und Programmierer
- Freshmeat - Die Vielfalt freier Software von Groupware bis zu Office-Anwendungen macht der Katalog Freshmeat zumindest im Ansatz sichtbar
- Pro Linux - Deutsches Linux-Portal
- Linux Today - Tägliche Nachrichten zu Linux und Open Source Software
- LinuxWorld - LinuxWorld bietet journalistisch aufbereitete Nachrichten zu Open Source
- Linux Clustering Information Center
- David A. Wheeler - Überblick über eine Vielzahl von aktuellen Projekten, Berichten und Veröffentlichungen.
- Recht:
- IfrOSS - Institut für Rechtsfragen der Freien und Open Source Software - Privates Institut, dass die Entwicklung freier Software in rechtswissenschaftlicher Hinsicht begleitet. Dazu gehören Fragen aus den Bereichen Softwarelizenzrecht, Urheberrecht, Patentrecht, Vertragsrecht und Wettbewerbsrecht.
- GPL - GNU Public License - Vollständiger Text der GPL
- LGPL - Lesser GNU Public License - Vollständiger Text der LGPL
